15.04.2010 - Bielefelder Studie zu Alleinerziehenden veröffentlicht

Rosemarie Baumeister

Bielefelder Studie „Arbeitslos mit Kindern – Bewältigungsstrategien und institutionelle Förderung“ liefert differenziertes Bild von Alleinerziehenden und Familien mit Kindern im Arbeitslosengeld II Bezug

Im Auftrag der Arbeitplus in Bielefelds GmbH und der Stadt Bielefeld befragte das Kompetenzzentrum Soziale Dienste und die AG Soziale Arbeit der Universität Bielefeld fast 300 Bedarfsgemeinschaften und Alleinerziehende mit Kindern unter 15 Jahren im Arbeitslosengeld II Bezug in Bielefeld zu ihrer Lebenssituation und konkreten Unterstützungsbedarfen. Es handelt sich bundesweit um die größte Untersuchung ihrer Art. Die Studie soll ein wissenschaftlich fundiertes – Handlungskonzept für die Arbeit mit alleinerziehenden Hilfebedürftigen und Bedarfsgemeinschaften mit Kindern liefern.  

Die Studie steht hier als PDF-Datei zum Download bereit:

Bielefelder Studie „Arbeitslos mit Kindern – Bewältigungsstrategien und institutionelle Förderung“ Bielefelder Studie „Arbeitslos mit Kindern – Bewältigungsstrategien und institutionelle Förderung“ (1,4 MB)

Kernaussagen und Forderungen aus der heute veröffentlichten Studie sind die folgenden:

  • Die Befragten zeigten eine hohe Motivation und Arbeitsbereitschaft. Alleinerziehende WOLLEN arbeiten, aufgrund ihrer Lebensumstände KÖNNEN sie jedoch oft nicht.
  • Alleinerziehende erleben eine hohe Selbstwirksamkeit ihres Tuns. Jedoch sind sie mit ihren Lebensumständen unzufrieden. Es ist mit anderen Worten keine  Resignation oder Fatalismus zu beobachten, sehr wohl aber eine sehr geringe subjektive Lebenszufriedenheit.
  • Die Teilnehmerinnen der Studie haben ein sehr geringes Exklusionsempfinden trotz hoher materieller Einschränkungen. Sie befinden sich am unteren Ende der sozialen Skala, erleben sich aber nicht als ausgegrenzt.
  • 65% der befragten Haushalte haben Schulden, im Schnitt von 12.000€.
  • Entgegen häufiger Vorstellungen wird trotz materieller Knappheit zuletzt an den Bedürfnissen der Kinder gespart.
  • Eltern im Arbeitslosengeld II Bezug haben im Schnitt nicht mehr Kinder als Nichtleistungsbezieher.
  • Die Standardinstrumente des SGB II passen häufig nicht zu den komplexen Problemlagen Alleinerziehender. Es fehlt an familienkompatiblen Qualifizierungs- und Arbeitsangeboten. 
  • Vermittlungsvorschläge werden von den Befragten häufig als nicht passgenau wahrgenommen.
  • Alleinerziehende und Familien mit Kindern haben einen hohen Bedarf an kommunalen Leistungen (Schuldnerberatung, Unterstützung bei der Suche nach Kinderbetreuung, sozialintegrative Angebote). Sie nehmen diese Angebote auch in höherem Maße wahr und äußern sich zufrieden darüber.
  • Infolge hoher Anforderungen an die Beratungskompetenz des Personals der ARGEn hinsichtlich besonderer Zielgruppen sind Schulungen und Weiterbildungen dringend geboten.
  • Der Beratungsaufwand für Alleinerziehende und Arbeitslosengeld II Bezieher mit Kindern erscheint zudem größer als für Alleinstehende. Die Studie zeigt, dass Alleinerziehende weniger häufig zu Beratungsgesprächen eingeladen werden und weniger Arbeits- und Qualifizierungsangebote erhalten.
  • Auch ohne konkrete Sanktionserfahrungen wird die Beratung durch die ARGE häufig als paternalistisch und bevormundend beschrieben. Das Verhalten der Berater wird dabei zum Teil als  unangemessen erlebt. Die Gruppe mit dem höchsten Unterstützungsbedarf gab am häufigsten an, Furcht vor der ARGE zu haben und sich in der Beratung unter Druck gesetzt zu fühlen.
  • Die ARGEn müssen verstärkt passgenaue Beratungs- und Betreuungsangebote unter der Berücksichtung der individuellen Lebensumstände der Leistungsbezieher entwickeln. Gerade für Frauen mit Kindern sind sozialintegrative Leistungen besonders wichtig.

Eine kurze Zusammenfassung der Studie:

Die Studie beruht auf einer Befragung von fast 300 Bedarfsgemeinschaften und Alleinerziehenden mit Kindern unter 15 Jahren im Arbeitslosengeld II Bezug. Durchgeführt wurde die Untersuchung vom Kompetenzzentrum So-ziale Dienste und der AG Soziale Arbeit der Universität Bielefeld, die dabei mit der Arbeitplus in Bielefeld GmbH, der REGE mbH und der Stadt Bielefeld kooperierte. Das Projekt war als empirisches Forschungsprojekt und als aka-demisches und forschungspraktisches Schulungs- und Qualifizierungsprojekt für arbeitslose Akademiker/innen konzipiert.

Inhaltliche Schwerpunkte der Befragung betrafen die Beschäftigungsfähig-keit, die sozialen Netzwerke, die lokale Eingebundenheit in den Stadtteil, die Wirksamkeitseinschätzung der sozialen und arbeitsfördernden Angebote, die subjektive Lebensqualität, die familiäre Situation, die Kindererziehung, die Tagesgestaltung und der Umgang mit knappen Ressourcen der Arbeits-losengeld II-Bezieherinnen und Bezieher.

Die Befragten sind überwiegend weiblich (80%) und alleinerziehend (65%). Etwa 40% der Befragten haben höchstens einen Hauptschulabschluss, 40% haben keinen Ausbildungsabschluss. Gut die Hälfte von ihnen ist nach Deutschland eingewandert. Die große Mehrheit der Befragten hatte bereits vor ihrer Arbeitslosigkeit einen sehr geringen Berufsstatus, in aller Regel auf dem Niveau un- und angelernter Arbeiter/-innen. Etwa drei Fünftel der Befragten (62%) hatten Kinder unter 6 Jahren. Die durchschnittliche Anzahl der Kinder in der Gruppe der Befragten war 1,8.

Zusammenfassend ergibt sich für die Gesamtgruppe der Befragten das Bild von Menschen, die durch eine starke Einschränkung im Bereich der Hand-lungsmöglichkeiten und Ressourcen aber nicht durch eine kulturelle und verhaltensbezogene Selbstausschließung gekennzeichnet ist. Es findet sich ein starker Zusammenhang zwischen der Arbeitsmöglichkeit und der Gesamtlebenssituation der Befragten. Dieser Zusammenhang lässt sich als Argument für eine kommunale Sozial- und Arbeitsmarktpolitik deuten, die sich auf die Schaffung praktisch zugänglicher Infrastrukturen richtet und dabei die gesamte Lebenssituation der Betroffen in den Blick nimmt. Ein Bestand-teil dieser Infrastrukturen könnte der Ausbau der lokalen Bildungslandschaft sein, die sich insbesondere auf den Abbau sozialer Bildungsungleichheit konzentriert und dabei nicht einseitig schulleistungsorientiert ist, sondern sich auf individuelle und familienbezogene Handlungsfähigkeiten und Lebenssituationen richtet. Hierzu gehört beispielsweise auch eine schnelle, flexible und verbindliche Bereitstellung von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, wenn dies situativ für eine Arbeitsplatzperspektive der Betroffenen wichtig ist.

Mit Blick auf die hohe Notwendigkeit von Angeboten, die die allgemeine Lebenssituation der Befragten betreffen, sprechen die erhobenen Daten dafür, unterstützenden Angeboten eine deutlich höhere Priorität einzuräumen als einem Druck zur Arbeitsaufnahme. Zugleich sprechen die Daten dafür, das Problem der „Passungsverhältnisse“ von Arbeitsangeboten und Lebenssituationen ernst zu nehmen. Arbeits- und Vermittlungsangebote, die die spezifischen Probleme und Kontexte der Lebenssituationen der Betroffenen nicht berücksichtigen, können schnell ins Leere laufen. Ein Element der Sicherstellung solcher Passungsverhältnisse ist eine breite sozialpädagogisch und psychologisch fundierte Professionalisierung der Mitarbeiter/innen von Arbeitplus. Diese Professionalisierung ist eine wichtige fachliche Basis um die Ankopplungsfähigkeit der Mitarbeiter/innen gerade gegenüber besonders belasteten Gruppen zu erhöhen und den Fokus ihrer professionellen Vorgehensweisen über die formale Vermittlung von Arbeitsangeboten hinaus zu erweitern.

Die Erhebung macht deutlich: um den komplexen Anforderungen die sich aus der Lebenssituation der Befragten ergeben, bedarfsorientiert und passgenau gerecht zu werden, muss die Arbeitsberatung und –vermittlung nicht nur kompensatorische Einzelmaßnahmen, sondern eine Kette differenzierter, flächendeckender und ineinandergreifender Angebote, so wie professionelle, psychosoziale und sozialpädagogische Beratung und Unterstützung bieten, um Arbeitslosengeld II Bezieher und Bezieherinnen (wieder) in Arbeit zu integrieren.

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